Linden

  

Widerstand in Linden


Seit dem 12.November 2012 gibt es eine offizielle Würdigung des Widerstands der Sozialistischen Front. Sie findet sich in einer von der ›Gedenkstätte Deutscher Widerstand erarbeiteten Dokumentation und erfolgte in Zusammenarbeit mit der ›Geschichtswerkstatt im Freizeitheim Linden der ›Otto Brenner Akademie. Sie ist erreichbar unter ›www.sozialistische-front.de.

Politische Situation in Linden Anfang der 1930er Jahre


Am 1.1.1920 wurde die Stadt Linden mit Hannover vereinigt. Hannover hatte damit eine überwiegend sozialdemokratisch orientierte Arbeiterschaft gewonnen, die im "roten Linden" - einer Hochburg der Arbeiterbewegung - eine lange Tradition besaß.

Die kurze Zeit der Weimarer Republik war auch für die Lindener Bevölkerung durch die Bewältigung der Folgen des 1.Weltkriegs gekennzeichnet. Materielle Verarmung, Wohnungsnot und zunehmende Arbeitslosigkeit belasteten die junge Demokratie. Ende 1929 hatte mit dem Zusammenbruch der Kurse an der New Yorker Börse die Weltwirtschaftskrise begonnen. Mit über sechs Millionen Arbeitslosen in Deutschland erreichte sie im Februar 1932 ihren Höhepunkt. In Hannover war zu Jahresbeginn jeder dritte Erwerbstätige arbeitslos. Bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 hatte sich die NSDAP erstmals als stärkste Fraktion durchsetzen können. Mit dem Sturz der sozialdemokratisch geführten preußischen Regierung am 20.Juli 1932 zeichnetet sich eine weitere Aushöhlung der Weimarer Demokratie ab. Parallel dazu kam es zur gesellschaftlichen Polarisierung, die sich auch in den mit immer brutalerer Gewalt ausgetragenen Auseinandersetzungen der Nationalsozialisten mit ihren Gegnern zeigte. Die Straße wurde zunehmend zum Ort politischer Auseinandersetzung.

Linden erwies sich dabei jedoch anfangs als relativ resistent gegen das Erstarken der faschistischen Bewegung. Mit der Ernennung Hitlers zum Reichkanzler am 30.1.1933 systematisierte sich die Unterdrückung politischer Gegner. Die letzte große Demonstration der hannoverschen Arbeiterschaft gegen die Nationalsozialisten fand am 4.Februar mit ca. 45.000 Teilnehmern statt.

Eine Woche später wurde zunächst die Neue Arbeiterzeitung der KPD, kurze Zeit später auch der sozialdemokratische Volkswille verboten. Am 19.2. hielten SA und SS ihre erste Kundgebung in Linden ab. Zwei Tage darauf überfielen SA-Leute eine SPD-Versammlung am Lister Turm, zwei Reichsbannermitglieder wurden ermordet, darunter der Lindener Arbeiter Wilhelm Heese. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand in Berlin am 28.Februar ließen die Nationalsozialisten 140 Mitglieder der KPD verhaften. Die letzte öffentliche Demonstration der SPD fand am 3.März im Lindener Stadion statt.

Am 23.3.1933 wird das Ermächtigungsgesetz beschlossen.

Das hannoversche Gewerkschaftshaus wurde am 1.4. durch die SS besetzt.

KPD und am 22.6.1933 auch die SPD wurden verboten. Die letzten SPD-Bürgervorsteher mussten am 4.7.1933 ihre Ämter niederlegen. Teile der SPD-Organisation ließen sich gleichschalten, um weiter zu bestehen, andere – wie das Reichsbanner – lösten sich auf. Jeglicher Widerstand gegen die Nazis wurde illegal und konnte in der Konsequenz die Einweisung in ein Konzentrationslager zur Folge haben.

Widerstandsorganisation Sozialistische Front
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Werner Blumenberg, der Gründer und Leiter der Sozialistischen Front, wurde am 21.12.1900 als Sohn eines Pastors geboren. Er studierte u.a. Philosophie und Theologie. 1920 wurde er Mitglied der SPD, dann Mitarbeiter und später Redakteur der Hannover-Ausgabe des sozialdemokratischen „Volkswillen“. Neben dieser Tätigkeit arbeitete er auch aktiv in der SPD mit.

1932 wurde Werner Blumenberg von der Partei beauftragt, die SPD auf die Illegalität vorzubereiten. Blumenberg begann damit, verlässliche SPD-Mitglieder aus den Vorfeldorganisationen zu sammeln, die mit der offiziellen Linie der SPD nicht zufrieden waren. Vor allem jüngere und aktive Facharbeiter, Reichsbannerangehörige, aber auch Aktivisten der alten Sozialdemokratie gehörten zum Kreis um Blumenberg, der dann mit der Organisation u.a. der sogenannten Fünfergruppen begann. Bald nach der Machtübernahme durch Hitler und die Nationalsozialisten wurde auch die SPD verboten. Die vorausgesehene und vorbereitete illegale Arbeit begann. Seit 1934 entwickelte sich unter dem Namen „Sozialistische Front“ eine der größten Widerstandsorganisationen in Deutschland.

Die Haupttätigkeit war die Herausgabe der „Sozialistischen Blätter“, in denen kritisch zur Nazi-Politik Stellung genommen wurde.

Trotz aller klug geplanten Vorsichtsmaßnahmen kam es Ende 1934 zu einigen Verhaftungen von Mitgliedern der Sozialistischen Front. Damit war es der Gestapo noch nicht gelungen, die Arbeit der Sozialistischen Front wirklich ernsthaft zu gefährden, aber Anfang 1935 folgte eine weitere und größere Verhaftungswelle. Der Leserkreis der Sozialistischen Blätter war vermutlich auf über 2.000 Leser angestiegen.

Die hannoversche Gestapo berichtete über die geschickte illegale Arbeit innerhalb der Sozialistischen Front und über ihre Verschwiegenheit. Spätestens im Februar 1936 kamen zwei Gestapoleute aus der Berliner Zentrale nach Hannover, um die Gestapo in Hannover zu unterstützen. Ihnen gelang es aufgrund eines eingeschleusten Spitzels dann, auch in den Kern der Widerstandsorganisation einzudringen.

Werner Blumenberg konnte am 16. August 1936 nach Holland fliehen. Die Verhaftungen in Hannover begannen einen Tag später, dauerten bis Spätsommer 1937 an und erreichten an die 300 Mitglieder. Blumenberg versuchte, von Holland aus die Sozialistische Front neu zu organisieren. Dies gelang jedoch nicht. Nach Kriegsende erhielt er keine Ausreisegenehmigung, illegale Einwanderungen scheiterten und innerhalb der hannoverschen SPD gab es Gegenspieler, sodass Blumenberg dann resigniert in Amsterdam blieb. Er arbeitete dort als Wissenschaftler am Institut für Sozialwissenschaft. Werner Blumenberg verstarb am 1.10.1965.

Im Folgenden werden wir einige Mitglieder der "Sozialistischen Front" vorstellen




Franz Nause
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Projekt „Franz Nause“

Am 22.3.2010 wurde auf Initiative der Otto-Brenner-Akademie im Rahmen der bundesweiten Stolperstein-Aktionen des Künstlers Gunter Demnig in Zusammenarbeit mit der Stadt Hannover ein Gedenkstein vor der Kesselstraße 19 in den Fuß-weg gesetzt. Seit 1993 hat Demnig inzwischen ca. 20.000 Stolpersteine verlegt, den ersten in Linden im Jahr 2008. Mit der zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte auf einem in den Boden eingelassenen Betonquader soll an die Unter-drückung, Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung von Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgten, Deserteuren, Homosexuellen und anderen Opfern des Nationalsozialismus erinnert werden. In der Kesselstraße 19 (s. Foto) wohnte bis zu seiner Verhaftung 1936 der Widerstandskämpfer Franz Nause. Die Stolpersteinlegung nehmen die Otto-Brenner-Akademie und Quartier e.V. zum Anlass, an Franz Nause zu erinnern.

Wer war Franz Nause?

Franz Nause wurde am 15.2.1903 als Sohn des Arbeiters Friedrich Wilhelm und seiner Frau Min-na, geb. Krone, in Achtum (Kreis Marienburg, heute Hildesheim) geboren. Der Vater fiel als Soldat 1918 im 1. Weltkrieg. In Linden wohnte Minna Nause mit der Familie in der Varrelmannstraße 8 in Limmer. Franz hat die Volksschule in Lenthe und Hannover-Linden besucht. Schon als Kind musste Franz zum Unterhalt der Familie beitragen. Er begann eine Lehre als Schlosser bei Körting, die er aber nicht beenden konnte. Danach war er ein Jahr als Werksbote in der Hanomag tätig. Von 1921 bis 1932 hatte Nause eine feste Stelle als ungelernter Arbeiter bei der Gummifabrik Excelsior (Continen-talwerke). Seit Sommer 1932 war er arbeitslos.

Am 27.12.1928 hatte Franz Nause Herta, geb. Seiler geheiratet. Am 28.3.1929 wurde die Tochter Gerda geboren. Familie Nause wohnte in Limmer in der Kesselstraße 19, 3. Etage links. Die Ehe scheiterte früh, auch wegen der politischen Aktivitäten von Franz Nause: 1933 war die Scheidung.

Franz Nause hatte sich schon in frühen Jahren politisch engagiert: 1919 trat er der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) und dem Fabrikarbeiterverband bei, 1920 den Naturfreunden, 1921 der SPD, 1931 dem Reichsbanner und auch der Schufo (Schutzformation). Ab 1930/ 1931 war er Parteikassierer (Bezirksleiter) in Limmer. Franz Nause gehörte zu den jungen Parteimitgliedern, denen der offizielle Kurs der SPD zu abwartend war. Als sich Anfang der 1930er Jahre die politische Situation in Deutschland zuspitzte, begann man auch in Teilen der hannoverschen SPD, sich auf eine mögliche Illegalität vorzubereiten für den Fall, dass die Nationalsozialisten an die Macht kommen sollten. Werner Blumenberg, Pastorensohn und seit 1928 Redakteur der SPD-Zeitung „Volkswille“, begann damit, den Widerstand zu organisieren und sammelte aktive, zuverlässige Parteigenossen und Reichsbannermitglieder um sich. Zu ihnen gehörte Franz Nause.

Nach der Machtübernahme durch Hitler 1933 wurden die politischen Köpfe von KPD und SPD von den Nazis verhaftet, die Gewerkschaften entmachtet und die den Nazis unbequemen Parteien verboten. Ein Terrorstaat entstand, in dem Juden und auch Menschen mit unerwünschten Meinungen verfolgt, verhaftet und ermordet wurden. Aus der Gruppierung um Werner Blumenberg entwickelte sich unter dem Namen Sozialistische Front die wohl größte regionale Widerstandsor-ganisation in Deutschland. Schwerpunkt der Aktivitäten war Hannover – und hier Linden. Die Mitglieder, fast alle Sozialdemokraten oder der SPD nahestehend, waren in Kleingruppen eingeteilt, mehrere Gruppen bildeten eine Abteilung.

Im Mittelpunkt der Tätigkeiten stand die Herausgabe der Zeitung Sozialistischen Blätter. Sie erschien zeitweise in einer Auflage von bis zu 1000 Exemplaren. Neben der Analyse der Nazi-Politik wurde über deren Kriegsvorbereitungen und staatliche Unterdrückung berichtet. Herstellen, Verteilen und Lesen wurden drastisch bestraft. Neben Blumenberg gehörten Franz Nause und Willi Wendt zu den Köpfen der Sozialistischen Front. Franz Nause organisierte wesentlich den Aufbau der Abteilungen und war zusammen mit Wendt verantwortlich für die Herstellung der Sozialistischen Blätter. Hier halfen auch andere mit, z.B. die Verlobte von Franz Nause, Auguste Breitzke, oder Brunhild Schmedes. Nachdem es der Gestapo (Geheime Staatspolizei) gelungen war, einen Spitzel einzuschleusen, wurde die Organisation im August 1936 größtenteils zerschlagen. Bis zum September 1937 folgten etwa 300 Verhaftungen. Franz Nause wurde am 30. Juni 1936 vorläufig festgenommen und war seit dem 3. August 1936 im Gerichtsgefängnis in Hildesheim in Untersu-chungshaft. Nach mehreren Berichten ist Franz Nause in der Haftzeit schwer misshandelt worden, weil er sich weigerte von seiner politischen Überzeugung Abstand zu nehmen und andere Mitglieder der Sozialistischen Front zu verraten. Franz Nause und fünf weitere Mitglieder wurden als „Rädelsführer“ 1937 vor dem Volksgerichtshof in Berlin angeklagt und verurteilt: Franz Nause zu zehn Jahren Zuchthaus. Bis 1940 saß er – wie viele andere Verurteilte der Sozialistischen Front – im Zuchthaus Hameln ein. 1940 wurde er dann in die Krankenabteilung des Zuchthauses Brandenburg-Görden überwiesen. Hier verstarb er am 20.3.1943 im Alter von 40 Jahren an den Folgen von Misshandlungen, Unterernährung und Krankheit. Die offizielle Todes-ursache war Tuberkulose. Seine Urne wurde auf dem Ricklinger Friedhof beigesetzt. Sein Grab ist heute ein Ehrengrab.

Nachwirkungen

Straßenumbenennung:

1950 wurde der Gartenweg in Limmer zu Ehren von Franz Nause in „Franz-Nause-Straße“ umbenannt. An andere Widerstandskämpfer und Opfer des Nationalsozialismus erinnern in Linden-Limmer z.B. die Wilhelm-Bluhm-Straße, die Heesestraße oder das Werner-Blumenberg-Haus.

Programm zu Ehren Franz Nauses:

BildTyp4 1.3.2010 um 18 Uhr: Vortrag: Franz Nause – ein sozialdemokratischer Widerstandskämpfer in Hannover-Limmer von Holger Horstmann, Egon Kuhn und Jonny Peter, in der Warenannahme des Kulturzentrums FAUST, Zur Bettfedernfabrik 3, 30451 Hannover im Rahmen des Jour fixe zur Lindener Geschichte, einem Projekt von Quartier e.V., Otto-Brenner-Akademie und Kulturzentrum FAUST gefördert von der Stiftung Leben und Umwelt/ Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen

22.3. um ca. 15.45 Uhr Stolpersteinsetzung zu Ehren von Franz Nause durch Gunter Demnig an der Kesselstraße 19, Hannover-Limmer. Und Ehrung am Grab von Franz Nause auf dem Ricklinger Stadtfriedhof. Die Uhrzeit dafür steht noch nicht fest.

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26.3.2010 um 16 Uhr im Freizeitheim Linden, Fred-Grube-Platz 1, Ausstellungseröffnung zu Franz Nause von Quartier e.V. und Otto-Brenner-Akademie + Vorstellung der Franz-Nause-Broschüre von Jonny Peter, Holger Horstmann und Egon Kuhn + 17 Uhr Rundgang „Gegen das Vergessen“ zu Ehren von Franz Nause durch Limmer ab Freizeitheim Linden

Quelle: Jonny Peter/Holger Horstmann (Quartier e.V.): Franz Nause - ein sozialdemokratischer Widerstandskämpfer aus Hannover-Limmer, Hannover-Linden 2010

Zum Download: ›Handzettel zum JourFixe, ›Faltblatt, ›Plakat

Wilhelm Bluhm
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Wilhelm Bluhm wurde am 24.12.1898 als drittältestes der neun Kinder von Karoline und vom Metallarbeiter Wilhelm Bluhm in Linden geboren. Vater Wilhelm verstarb 1917 mit nur 48 Jahren, so dass sich Sohn Wilhelm in jungen Jahren intensiv um die Mutter und die kleinen Geschwister kümmern musste. Die Familie lebte in der Nedderfeldstraße 8, 2. Etage rechts.

Nach der Schule begann Wilhelm Bluhm eine Schlosserlehre bei der Hanomag. Im Anschluss daran arbeitete er in verschiedenen Fabriken, vor allem aber bei der Hanomag und zum Schluss bei der Post als Betriebsarbeiter.

Schon früh schloss sich Bluhm der Sozialistischen Arbeiterjugend und dem Metallarbeiterverband an. Zudem trat er in die SPD ein, für die er bald als Kassierer der 23. Abteilung in Linden-Nord tätig war. Als sich Anfang der 1930er Jahre die politische Situation in Deutschland zuspitzte, begann auch in Teilen der hannoverschen SPD die Vorbereitung auf eine mögliche Illegalität für den Fall, dass die Nationalsozialisten an die Macht kommen sollten. Werner Blumenberg, Pastorensohn und seit 1928 Redakteur der SPD-Zeitung „Volkswille“, organisierte in monatelanger Vorbereitungszeit den Widerstand und sammelte aktive, zuverlässige Parteigenossen und Reichsbannermitglieder um sich, die der abwartenden Haltung der SPD-Parteiführung kritisch gegenüber standen. Nach der Machtübernahme 1933 durch Hitler wurden die politischen Köpfe von KPD und SPD von den Nazis verhaftet, die Gewerkschaften aufgelöst und die den Nazis unliebsamen Parteien verboten. Ein Terrorstaat entstand, in dem Juden und auch Menschen mit unerwünschten Meinungen verfolgt, verhaftet und ermordet wurden. Aus der Gruppierung um Werner Blumenberg entwickelte sich unter dem Namen Sozialistische Front die größte regionale Widerstandsorganisation im Nationalsozialismus. Schwerpunkt der Aktivitäten war Hannover – und hier Linden. Die Mitglieder waren in Kleingruppen eingeteilt, mehrere Gruppen bildeten eine Abteilung. Im Mittelpunkt der Aktivitäten stand die Herausgabe der Sozialistischen Blätter, die zeitweise in einer Auflage von bis zu 1000 Exemplaren erschienen. Neben der Analyse der Nazi-Politik wurde über Kriegsvorbereitungen und staatliche Unterdrückung berichtet. Herstellen, Verteilen und Lesen wurden drastisch bestraft. Wilhelm Bluhm hatte nach der ersten Verhaftungswelle gegen die Sozialistische Front Anfang 1935 die Leitung der Abteilung IV (Linden-Nord) von Willi Wendt übernommen, der zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Nach dem es der Gestapo (Geheime Staatspolizei) gelungen war, einen Spitzel einzuschleusen, wurde die Organisation im August 1936 größtenteils zerschlagen. Bis zum September 1937 folgten etwa 300 Verhaftungen. Wilhelm Bluhm selber war am 15.9.1936 festgenommen und dann zu fünf Jahren und zwei Wochen Zuchthaus in Hameln verurteilt worden. Dort saßen viele politische Gefangene ein. Nach Ablauf der Strafe wurde Bluhm – wie auch andere Mitglieder der Sozialistischen Front – nicht freigelassen, sondern von den Nazis in „Schutzhaft“ genommen und in das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin transportiert.

Das überlebte Wilhelm Bluhm nur wenige Monate. Am 25.7.1942 verstarb er im KZ.

Die Urne wurde nach Hannover überführt und am 26.8.1942 auf dem Ricklinger Friedhof beigesetzt. Die Beerdigung glich einer Demonstration: mindestens 250 Lindener Genossen nahmen daran teil – überall beobachtet von der Gestapo.

Straßenumbenennung: Die heutige Wilhelm-Bluhm-Straße hieß ursprünglich wegen der anliegenden Gummifabriken Gummistraße, wurde dann aber 1950 zum Gedenken an den Widerstandskämpfer Wilhelm Bluhm umbenannt. Weitere Straßenbenennungen im Zusammenhang mit Opfern des Nationalsozialismus im Stadtbezirk Linden-Limmer sind z.B. der Sinti-/Roma-Gedenkstein am Fischerhof, die Heesestraße in Linden-Mitte sowie die Franz-Nause-Straße und der Gedenkstein zum ehemaligen KZ-Außenlager in Limmer. An der Ihme am Heizkraftwerk erinnert ein Weg an Bernhard Almstadt, und an der Pfarrlandstraße wurde die Altenwohnanlage nach Werner-Blumenberg, dem Leiter der Sozialistischen Front, benannt. Mit dem Umbau der Bettfedernfabrik in den 1990er Jahren wurde auch der Bereich vor FAUST umbenannt: so der Teil der Wilhelm-Bluhm-Straße zur Stärkestraße hin nach dem Lindener Arbeiterfotografen Walter Ballhause. Direkt vor FAUST wurde eine neue Straße angelegt, sodass FAUST nun nicht mehr an der Wilhelm-Bluhm-Straße liegt, sondern „Zur Bettfedernfabrik“ als Adresse hat.

Legendentafel: Fünfzig Jahre nach der Verhaftung Wilhelm Bluhms, also 1986, hat die 23. Abteilung (Linden-Nord) der SPD ein Legendenschild gestiftet, das in der Wilhelm-Bluhm-Straße/ Ecke Bennostraße angebracht wurde. Sie wollte damit die Erinnerung an ihren ehemaligen Kassierer und die sozialdemokratische Widerstandsorganisation Sozialistische Front wachhalten.

Denkmal: 1991 wurde der Verein FAUST (Verein zur Förderung von Fabrikumnutzung und Stadtteilkultur) gegründet, der dann in den Räumlichkeiten der ehemaligen Bettfedernfabrik Werner&Ehlers ein soziokulturelles Zentrum eingerichtet hat. Anlässlich des 50. Todestages von Wilhelm Bluhm 1992 begann FAUST zusammen mit dem Freizeitheim Linden und der Geschichtswerkstatt Hannover ein Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte Bluhms mit Ausstellung, Veranstaltungen, Broschüre und der Anbringung eines von Wolfgang Supper gestalteten Gedenksteins am FAUST-Verwaltungsgebäude mit dem Motiv „Der aufrechte Gang“.

Stolpersteinlegung: BildTyp4 Am 3.3.2009 wurde an der Nedderfeldstraße 8 von Gunter Demnig ein Stolperstein zu Ehren von Wilhelm Bluhm gesetzt. An der Ehrung nahmen über 120 Personen teil. Auf dem Foto Gunter Demnig und Egon Kuhn.

Copyright: Jonny Peter

Quelle: Jonny Peter/Holger Horstmann (Quartier e.V.): Wilhelm Bluhm – ein Lindener Widerstandskämpfer, Hannover-Linden 2009